Meinung

Rote Armee, welche Rote Armee? Die Lücken im westlichen Weltkriegsgedenken

Salbungsvolle Reden gab es zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa. Dabei ließen westliche Spitzenpolitiker oft unerwähnt, wer seinerzeit die Hauptlast im Kampf gegen Nazi-Deutschland trug. Das Gedenken wird auf diese Weise zur politischen Waffe.
Rote Armee, welche Rote Armee? Die Lücken im westlichen WeltkriegsgedenkenQuelle: Sputnik © Sputnik / Vladimir Grebnev - von RT bearbeitet

von Andreas Richter

Am späten Abend des 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos vor den Alliierten. Damit endete – wenigstens in Europa – der Zweite Weltkrieg. Die Festlichkeiten zum 75. Jahrestag des Kriegsendes wiesen in den westlichen Ländern eine Besonderheit auf: Die Rolle der Roten Armee an der Zerschlagung der deutschen Kriegsmaschinerie und der Befreiung Europas wurde – auch in Kommentaren von höchster Stelle – oft einfach verschwiegen.

Nur zur Erinnerung: Zwischen dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion und der Kapitulation kämpfte die übergroße Mehrzahl der deutschen Divisionen im Osten. Daran änderten auch die Landungen der Westmächte auf Sizilien im Juli 1943 und in der Normandie im Juni 1944 nichts. Das Rückgrat der Wehrmacht wurde nicht im Westen gebrochen, sondern im Osten – spätestens mit der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte ebenfalls im Juni 1944. 80 Prozent der gefallenen deutschen Soldaten starben an der Ostfront.

Jahrzehntelang hatte die westliche Bewusstseinsindustrie – mit Hollywood als Speerspitze – daran gearbeitet, diese Realitäten in der Vorstellung ihrer Bürger umzukehren und die USA als eigentlichen Bezwinger Nazi-Deutschlands erscheinen zu lassen. Die abgebildete Grafik belegt den Erfolg dieses Unterfangens im Falle Frankreichs.

Seit dem gewaltsamen Umsturz in der Ukraine und den folgenden Konflikten wurde dieses Herunterspielen und Verschweigen der sowjetischen Rolle im Krieg weiter verstärkt; die diesjährigen Feierlichkeiten lassen sich dabei als vorläufiger Höhepunkt dieser Umschreibung der Geschichte verstehen.

Bereits im vergangenen Jahr fand das Gedenken zum 75. Jahrestag der westalliierten Landung in der Normandie ohne Vertreter der Nachfolgestaaten der Sowjetunion statt, während die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel von den Briten als Vertreter einer damals alliierten Nation präsentiert wurde. Auch das Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz in Polen durch die Rote Armee fand im Januar dieses Jahres ohne den russischen Präsidenten Russlands statt. 

Bei den Gedenkfeiern dieser Tage wird die sowjetische Rolle im Krieg gerne gleich ganz verschwiegen. So sprach der US-amerikanische Präsident Donald Trump von dem "Sieg über die Nazis", den die USA und Großbritannien errungen hätten. Auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwähnte in seiner Rede am 8. Mai die Sowjetunion mit keinem Wort, spielte aber wiederholt positiv auf die USA an. Die russische Einladung zur Teilnahme an den Feierlichkeiten in Moskau ignorierte Berlin.

Das Verschweigen der Rolle der Roten Armee im Krieg und die damit verbundene Geschichtsklitterung stieß nicht nur in Russland auf scharfe Kritik. So warf in Deutschland der Historiker Götz Aly der Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Gedenken die bewusste Brüskierung Russlands und seiner Menschen vor.

Im Falle des deutschen Gedenkens gibt es einen weiteren Aspekt, der gern übersehen wird. Steinmeier erinnerte zwar an den "Zivilisationsbruch der Shoah", den Völkermord an den europäischen Juden also. Er gebraucht auch den Begriff Vernichtungskrieg, "vergisst" aber zu erwähnen, dass dieser Begriff vor allem auf den deutschen Überfall auf die Sowjetunion zutrifft, den, um Aly zu zitieren, "größten Raub-, Vernichtungs- und Versklavungskrieg der Geschichte", dem auf sowjetischer Seite etwa 27 Millionen Menschen zum Opfer fielen – und als solcher selbstverständlich ebenfalls ein Zivilisationsbruch.

Nun ist die beschriebene Geschichtsklitterung der westlichen Regierungen natürlich nicht einfach Ausdruck von Ignoranz und Geschichtsvergessenheit. Es geht vielmehr um die Beförderung sehr realer Interessen. So präsentieren sich die USA gerne als eigentlicher Sieger über Nazi-Deutschland, um ihrer anhaltenden Hegemonie und ihrer mit dieser verbundenen Truppenpräsenz auch in Europa eine moralische Basis zu geben.

Gleichzeitig wird Russland als geostrategischer Rivale vom westlichen Mainstream nicht nur für seine Rolle in der Gegenwart dämonisiert, etwa mit den bekannten Schlagwörtern "völkerrechtswidrige Annexion der Krim" oder "Putins Krieg in Syrien", sondern auch die Geschichte des Landes verfälscht, um es möglichst schlecht dastehen zu lassen.

Im Falle Deutschlands sind diese blinden Flecken beim Gedenken besonders beschämend. Denn natürlich erwächst aus der – unterdrückten – Erinnerung an den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und ihre Völker auch eine besondere Verantwortung im Umgang auch und gerade mit Russland. Davon ist schon lange nicht mehr die Rede, es passt einfach nicht zur westlichen Politik gegenüber diesem Land.

Auch "Nie wieder Krieg!" zählt für die deutsche Politik nicht mehr zu den Lehren aus dem Weltkrieg. Das gilt spätestens, seitdem Joseph "Joschka" Fischer 1999 den ersten Kriegseinsatz deutschen Militärs nach 1945 unter Verweis auf Auschwitz rechtfertigte. Auch Steinmeier machte in seiner Rede aus "Nie wieder!" ein "Nie wieder allein!", als hätte Nazi-Deutschland seinerzeit allein gestanden und in seiner Propaganda nicht auch ständig "Europa" und dessen "Rettung vor dem Bolschewismus" bemüht.

Letzten Endes dienen die schiefen und unwahren Darstellungen der Geschichte in den salbungsvollen Gedenkreden der Steinmeiers und Trumps der eigenen Selbstbestätigung, dem ohnehin ständig wiederholten "Wir sind die Guten!". Das mag für Politiker irgendwie normal sein, beschämend ist es gerade aus deutscher Perspektive doch. Und es bestätigt die alte Erkenntnis, dass es viel leichter ist, über "Lehren aus der Geschichte" zu reden, als sie wirklich zu ziehen.

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